September 2009
"Leben ist vorbeigerauscht"
Suchtkrankenhilfe Fallersleben: Jürgen Gutmann erzählt seine Geschichte
Von Bettina Jaeschke
FALLERSLEBEN. 300 bis 500 Abhän-
gige und Angehörige suchen jährlich
in der Suchtkrankenhilfe Fallersle-
ben Rat. Vorsitzender Jürgen Gut-
mann, der Suchtkrankenhelfer und
-berater ist, erzählte im WN-Ge-
spräch seine eigene Geschichte.
  Ich habe gut 20 Jahre lang täglich
zwei bis drei Flaschen Schnaps ge-
trunken", berichtet der 53-Jährige.
Bier sei hinzugekommen. Er habe
gemerkt, dass ihm der Alkohol
schmecke. Darauf habe sich bei ihm
alles fixiert.
  "Das Leben ist an mir vorbeige-
rauscht", sagt Gutmann. Er habe gar
nicht mehr gemerkt, wie er mit sei-
nem Umfeld umgegangen sei, und
wenn seine Frau oder seine Kinder
etwas von ihm wollten. "Irgend-
wann konnte sich meine Frau dieses
Leben mit mir nicht mehr vorstel-
len", berichtet er.
  Doch der Druck sei immer noch
nicht hoch genug gewesen. Erst als
seine Ehefrau zu seinem Arbeitgeber
gegangen sei und dort die Geschich-
te mit dem Alkohol erzählt habe, sei
auch er selbst mit einem Mal zum
Nachdenken gekommen.
  Gutmann entschloss sich 1997 zu
einer Entgiftung. Die vier Wochen in
Königslutter seien "die absolute
Hölle" gewesen, sagt er. Anschlie-
ßend folgte eine Therapie, und er
suchte Anschluss in der Suchtkran-
kenhilfe.
  Nach und nach sei er im Kopf frei-
er geworden, habe auf einmal viel
Freizeit gehabt, mit der umzugehen
er lernen musste. "Vorher war ich in
sämtlichen Kneipen Wolfsburgs gut
bekannt, habe täglich zwischen 50
und 70 Mark ausgegeben." Mit sei-
ner Familie habe er die Situation
schrittweise aufgearbeitet. "Inzwi-
schen sind wir wieder eine Familie
geworden, wie wir sie früher waren."

  Gutmann verdeutlicht, wie wich-
Jürgen
Jürgen Gutmann berichtete, welche Probleme er durch den Alkohol hatte und
wie er den Ausstieg aus der Sucht schaffte.            Foto: Klaus Helmke

tig es ist, sich als trockener Alkoholiker
einer Gruppe anzuschließen.
"Der regelmäßige Kontakt ist wich-

tig. Es kann immer wieder passieren,
dass man in eine schwierige Situation
gerät."

Die Suchtkrankenhilfe Fallersleben ist
eine Beratungs-, Lern- und Selbsthilfe-
gruppe für Alkohol- und Medikamen-
tenabhängige oder -gefährdete und
deren Angehörige. Sie bietet Infove-
ranstaltungen,    Beratungsgespräche,
vermittelt Entwöhnungsbehandlungen
und Nachsorgemaßnahmen. In verschiedenen
Gruppen treffen sich Betroffene und deren
Angehörige. Zum Tag der offenen Tür
lädt die Einrichtung am Sonntag, 13. September,
um 11 Uhr in ihre Räume im Hofekamphaus ein.
Quelle: Wolfsburger Nachrichten